Geschlossene Gesellschaft! - Wie Freundschaftsdienste die soziale Korruption antreiben

(Illustration: Gerd Altmann/pixabay)

 




Aus dem Buch:

Dieses Buch basiert auf meiner Doktorarbeit in den Sozialwissenschaften. Es war mir wichtig, meine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit korrupten Strukturen zu verstehen, einzuordnen und zu bewerten. Ich konnte beobachten, dass Männerfreundschaften zwar ein zentrales Merkmal korrupter Beziehungen sind. Dies soll aber keineswegs bedeuten, dass Frauen nicht dazu fähig und bereit sind. Doch stammen die Erlebnisse, welche mich zu meiner Forschung motivierten, aus einer Zeit, in der Männer vielfach noch den Ton angaben. Inzwischen gibt es auch viele Beispiele weiblicher Korruption, beispielsweise bei der Europäischen Kommission, als Ministerinnen der Bundes- und Landesregierungen sowie als Managerinnen in der privaten Wirtschaft.

Je begehrter und knapper ein öffentliches Gut, desto mehr korruptes Verhalten – seit der Antike. Doch die Moderne brachte personell und materiell immer besser ausgestattete Staaten hervor. Immer mehr Güter, die auf dem Papier allen offenstehen, erfahren regelwidrige Zugriffe an den Regeln vorbei, weil eine solide Kontrolle fehlt. Und wer kontrolliert eigentlich den Kontrolleur? PPP - Public Private Partnership – verzahnt zunehmend staatliche Strukturen mit privaten Interessen. Ein Katalysator für korruptes Handeln. Hemmschwellen sinken, wenn es so leicht von der Hand geht und gleichzeitig so selten konsequent verfolgt und aufgeklärt wird.

Der Logik entspricht, dass Korruption auf besonders begehrten Feldern der Gesellschaft etabliert ist, und nach außen bewusst – etwa durch Ausschreibungspflicht – der Anschein erweckt wird, es handle sich um ergebnisoffenen Wettbewerb. Letztlich müssen die Akteure nur zusammenhalten - wohl wissend, dass ihr Verhalten zu herben Strafen führen kann. Sie sichern sich wechselseitig in festen Strukturen. Wer ausschert, muss nicht nur strafrechtliche, sondern auch soziale Sanktionen seiner Bezugsgruppe befürchten. Damit ist es äußerst unattraktiv. Auf der anderen Seite locken exklusive persönliche und materielle Vorteile.

Die Praxissoziologie, an die sich meine Arbeit teilweise anlehnt, sagt uns, dass Menschen recht zuverlässig vorhersagbar das tun, was ihnen möglich ist. So wird die Praxis - das praktizierte Verhalten - , abseits von moralischen Lippenbekenntnissen und geschriebenen Gesetzbüchern zum einzigen Gradmesser sozialen Verhaltens. Sie entlarvt unsere Gesellschaft großenteils als eingeübt rituelle Gemeinschaft, die erfolgreich wegschaut, sich selbst belügt, beschönigt - und sich dabei sogar moralisch überhöht.

Die gegenwärtige Corona-Pandemie macht viele Missstände transparent. Auch für die, welche sich in einer tugendhaften Welt aus Gutmenschen wähnten. Die schöne Fassade bröckelt und legt Stück für Stück das wirkliche Gesicht der Gesellschaft frei. Nun können nicht mehr nur eingeweihte Menschen mit Herrschaftswissen in führenden sozialen Positionen darauf schauen. Immer durchdringender wird der Blick nicht eingeweihter Menschen, die bislang geglaubt haben, alles laufe irgendwie mit rechten Dingen ab.

Unter dem Brennglas der Coronakrise erleben wir gegenwärtig die Entzauberung einer angeblichen Leistungsgesellschaft, die behauptet, jeder - wirklich jeder - könne chancenreich daran teilhaben, solange er oder sie sich nur genügend anstrenge. So müsse man sich nur genug qualifizieren und bilden oder hier und dort investieren. Dann stünde nichts den Früchten am Erwerbsmarkt - dem Epizentrum unseres Wohlstandes – entgegen. Als meritokratisch bezeichnet sich unsere Gesellschaft. Meriten sind Leistungsverdienste. Man vermittelt in der schulischen Bildung seit Generationen dies als einzig mögliches und legitimes Modell einer demokratisch-freiheitlichen Gesellschaft überhaupt.

Doch das entspricht immer weniger gesellschaftlicher Praxis. Es ist ein Bild, mit dem sich angenehm - weil mit einem ruhigen Gewissen - leben lässt. Wir können uns zurücklehnen und uns sagen: „Haben wir doch eine tolle demokratische Gesellschaft, die jedem ermöglicht teilzuhaben, solange er oder sie nur will.“ Doch das schöne Bild fällt uns immer stärker auf die Füße.

Denn viel zu sehr ist der Mensch letztlich das primitive Wesen geblieben, das sozusagen stammesorientiert nach Nutzen für sich selbst und seine Angehörigen strebt, zu denen auch die guten Freunde der Familie zählen. Dabei treibt Akteure ein gieriges Bedürfnis nach mehr materiellem Wohlstand, mehr Einfluss, mehr Status an. Sie nutzen das, was ihnen zur Verfügung steht. Mal mehr, mal weniger. Je weiter oben sie in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen, desto eher können sie sich Vorteile verschaffen. Je weiter unten sie stehen, desto geringer ihre Chancen. Mangelnde Teilhabe vererbt sich sozusagen. Dennoch strampeln sich viele ab, die niemals eine Chance haben werden. Das bereitet den anderen jedoch keine schlaflosen Nächte, denn wegen der eingeübten Rituale zum Selbstbetrug – man kann es auch Heuchelei nennen – bleiben sie gelassen. Sogar dann, wenn sie die sozialen Ungleichheiten mit ihrem Verhalten selbst befördern.

Aber es gibt keinen Grund sich wohlzufühlen. Denn eine Gesellschaft braucht Kohärenz und Konsistenz - den Zusammenhalt und die schlüssige Begründung dafür. Hier geht zu viel immer weiter auseinander. In diese Wunde will ich meinen Finger legen. Indem ich aufzeige, wie mechanisch der Mensch funktioniert, mit welchen Ausflüchten er sich einrichtet. Wie dieses archaische Stammes-Tier, ohne Rücksicht auf Folgen für andere außerhalb seines Stammes, handelt. Von der objektiven Vernunft, von rationalem Denken und Handeln weit entfernt. Es versucht sogar, sich das primitive Vorteils- und Nutzendenken als rationales Prinzip zu erklären. Nach dem Motto: „Wenn Subjekt X sich in einer Situation Y für seinen größten Nutzen entscheidet, handelt es vernünftig.“

Doch wer sagt, was der größte Nutzen ist? Würde jemand mit einer anderen Persönlichkeit vielleicht anders entscheiden? Genau dies ist die Schwäche des rationalen Prinzips. Damit wird Vernunft zu einer sehr persönlichen Auslegungssache.

Ist es etwa nicht vernünftig, Steuern zu hinterziehen, wenn man dabei sein eigenes Wohl mehren kann? Ist es nicht vernünftig, seine Position als Politiker zu nutzen, um seinen Einfluss und Wohlstand zu mehren? Und ist es außerdem nicht rational, dem eigenen Nachwuchs oder Lebenspartner einen möglichst guten Job oder Auftrag zu besorgen, indem man seine Beziehungen spielen lässt?

Was der betreffende Mensch subjektiv bejaht, muss die Gesellschaft im Hinblick auf ihre Bedürfnisse verneinen. Unsere geschriebenen Gesetze und unsere überlieferte Moral versuchen, eine objektive Messlatte zu geben. Doch es bleibt lediglich die oben erwähnte beruhigende Fassade, hinter der sich eine völlig andere Praxis abspielt. Das eine oder andere Bauernopfer wird zwar bekannt, wenn es zu eng wird - aber das war es schon. Gesetze und Moral sind nach dieser Logik nur für die da, die sich daran halten, solange regelwidriges Verhalten keine Konsequenzen hat.

Mein Buch erklärt einerseits, wie uns eine vertrauensvolle Beziehung, die wir gerne als gute Freundschaft betiteln, bei Regelbrüchen vor Sanktionen schützen kann. Andererseits zeigt es sozialpsychologische und soziale Muster, nach denen Menschen sich persönliche Vorteile verschaffen. Dazu ist es zuvor notwendig zu erklären, wie sich das scheinbar saubere Bild von der guten Freundschaft kulturhistorisch entwickelt hat. Was man darunter versteht, und wie sie funktioniert.

 

Erscheinungsdatum: 12. März 2021

ISBN :   978-3-753-44591-5                                             

https://www.bod.de/buchshop/geschlossene-gesellschaft-karin-bomke-9783753445915

Seiten: 422

Einband: Paperback

Verlag: BoD/Norderstedt 

Preis:     € 16,95  

auch als eBook erhältlich: Vorzugspreis € 8,99, später € 9,99



 

 

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